Das ‘erste Massengrab’
Grenzen des guten Geschmacks in der musealen Werbung überschritten?
Heute Morgen war ich (Johannes) einigermaßen schockiert, als ich vom Westen kommend nach Eisenstadt fuhr und das untenstehende Werbeplakat, groß affichiert am Ortsende von Großhöflein, sah.
Ich rief sofort den wissenschaftlichen Leiter des Landesmuseums, meinen Freund Michael Weese, an, der aber nicht wusste, dass diese Plakate gedruckt wurden, ebenso schockiert ist und sich vom Inhalt deutlichst distanziert!
Bedenkliches Werbeplakat des Burgenländischen Landesmuseums
- Das Wort “Massengrab” ist aufgrund jüngerer und jüngster Ereignisse zweifelsohne eindeutig konnotiert.
- Insbesondere gilt dies für das Burgenland, wo (nur ca. 5km Luftlinie vom Plakat entfernt) gräuliche Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurden (Siegendorf, aber auch Deutsch Schützen, Rechnitz usw.).
- Mit der Formulierung “das erste Massengrab” werden beim Leser/der Leserin Assoziationen zu späteren (zeitgeschichtlichen) Massengräbern bewusst provoziert.
- Dass Plakatwerbung sprachlich pointiert sein muss, sei unbestritten. Ist aber die Grenze zum Reißerischen und Sensationsheischenden nicht spätestens bei schiefen historischen Analogien und Assoziierungen überschritten? Werden hier nicht durch diese offensichtlich gewollten Assoziationen die “Massengräber” der jüngeren Geschichte instrumentalisiert, nur um den Reiz des Makaberen zu steigern?
- Die Zeitnähe zu dem letzte Woche begangenen Gedenktag der Befreiung Mauthausens scheint uns extrem bedenklich.
- Wir halten das Sujet dieses Plakats selbstverständlich nicht für antisemitisch – aber doch für bemerkenswert unsensibel!
Schlagwörter: eisenstadt | Kommentare (4)
Schawu’ot 5773
Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot (“Wochenfest”) – “das Fest mit den vielen Namen“, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben dem “Fest der Erstlingsfrüchte” das „Fest der Toragebung“ (זמן מתן תורתנו “sman matan toratenu”): Gott hat dem Volk Israel durch Mose die Tora gegeben. Von vielen wird dieser Tag auch als der Tag gesehen, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.
Eine wohl nicht so bekannte, aber höchst eindrucksvolle Darstellung der Gesetzgebung auf dem Sinai finden wir in der berühmten Amsterdamer Haggada, sowohl in der Erstausgabe von 1695 als auch in der Ausgabe von 1712.
Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, fol 10v
Unter dem Bild finden sich 2 Zitate: 1) משה ידבר והאלהים יעננו בקול “… Mose redete und Gott antwortete im Donner” (2. Buch Mose 19,19) und 2) ויאמרו כל אשר דבר יהוה נעשה ונשמע “…Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen” (2. Buch Mose 24,7).
(Scan aus “Schubert U., Jüdische Buchkunst, 2. Teil, Graz 1992, Abb. 66″)
Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail
Schon 1625 hatte Matthäus Merian d.Ä. seine “Icones Biblicae” als Kupferstiche mit Versen und Reimen in 3 Sprachen herausgebracht. 1630 erschien in Straßburg die Lutherbibel, in der Merian die Kupferplatten erstmals zur Illustration einer Foliobibel verwendet und die Zahl der Bilder erweitert hatte. Das Zeitalter des Kupferstichs in der Bibelillustration hatte damit begonnen und die Holzschnitte abgelöst.
Etwa zur selben Zeit, nämlich 1626, gründete Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei und gab eigene, neue Schrifttypen in Auftrag. Das “Be’otiot Amsterdam“ (באותיות אמסטרדם “Mit den Buchstaben von Amsterdam”), von vielen (nicht-niederländischen) Schreibern auf die Titelseiten gesetzt, ist legendär, wenngleich oft unrichtig und nur verwendet, weil die Qualität der Amsterdamer Buchstaben so hervorragend war.
Bald entsprachen Holzschnittillustrationen nicht mehr den Wünschen der jüdischen Gemeinde von Amsterdam, im 17. Jahrhundert hatte der Kupferstich in den hebräischen bzw. judendeutschen Drucken bislang nur auf der Titelseite Verwendung gefunden.
Auch ein erst in den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts zum Judentum konvertierter christlicher Theologe (so die opinio communis) war von den neuen Kupferstichtechniken angetan und in Amsterdam als Kupferstecher tätig. Die bedeutendste Arbeit dieses Abraham bar Jakob sind die im Auftrag des Aluph Mose Wesel geschaffenen Kupferstichillustrationen für die 1695 in Amsterdam gedruckte sogenannte Amsterdamer Haggada.
Wohl dem Manne (M. Wesel), der die Weisheit gefunden und mich (Abraham bar Jakob) den Weg im heiligen Handwerk gewiesen hat … Früher, heißt es, wurden die Bilder in Holz geschnitten, was nicht so glanzvoll war, … Heute, da die Bilder in Kupfer gestochen sind, ist es wie der Vorzug des Lichtes gegenüber der Finsternis, ein Höchstmaß an Schönheit.
Als Vorlage für die Haggada-Illustrationen herangezogen – ob vom Auftraggeber angeregt oder vom Künstler, bleibt offen – wurden jedenfalls die bei christlichen Käufern sehr beliebten Kupferstiche des eingangs erwähnten Matthäus Merian d.Ä. Dass die Amsterdamer Haggada dadurch völlig um das rabbinische Legendengut gebracht wurde, liegt auf der Hand, die Kupferstiche von Matthäus Merian waren für die Illustrierung der Pesach-Haggada völlig ungeeignet. Weitere schwerwiegende Mängel und das Fehlen aller Ritusdarstellungen sowie traditioneller Textillustrationen in der Erstausgabe von 1695 führten jedenfalls zu heftigen Widerständen.
Die Neuauflage von 1712 sollte hier Abhilfe schaffen, beide Ausgaben der Amsterdamer Haggada wurden v.a. aufgrund der Neuordnung ihrer Bilder als auch der neuen Technik zur Vorlage für fast alle jüdischen Illustratoren des 18. Jahrhunderts.
Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, fol 15v
Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schavu’ot!
חג שבועות שמח!
Schlagwörter: buchkunst, schawuot | Kommentare (0)
Ein Meister des Prager Deutsch
Prager Triptychon – von Johannes Urzidil. Beim Kramen in meiner Bibliothek ist mir dieser Tage wieder die dtv-Ausgabe dieses Romans in die Hände gefallen, den ich vor genau 50 Jahren gelesen habe. Im April 1963 in Haus im Ennstal, wo ich mit zwei Freunden zum österlichen Schifahren einquartiert war. Ich habe Datum und Ort aus welchen Gründen damals auch immer im Inneren des Buches vermerkt.

Und zu dem kleinen Urlaub als Student an der Universität Wien im 8. Semester habe ich mir diese Lektüre mitgenommen, weil ich kurz davor in einem Kulturinstitut in der Annagasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk Gast bei einer Lesung Urzidils gewesen bin, die mich sehr beeindruckt hat.
Der 1896 in Prag geborene, 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag ins Exil gegangene (über Italien nach England, 1941 dann in die USA/ New York) Schriftsteller las damals seine Erzählung “Der Tod und die Steuern”, in der er die Schwierigkeiten seiner ersten Jahre in Amerika thematisiert hat. Bravourös und durchaus auch humorvoll vorgetragen, trotz der leidvollen Erfahrungen in einer ihm noch völlig neuen und fremdartigen Umwelt.
Johannes Urzidil (Sohn eines deutschböhmischen Eisenbahningenieurs und einer tschechisch-jüdischen Mutter) emigrierte in die USA mit seiner Frau Gertrude Thieberger, die einer angesehenen Rabbinerfamilie Prags entstammte, und lebte bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1970 in New York. (Urzidils Schwager, Friedrich Thieberger, war übrigens der Hebräisch-Lehrer Franz Kafkas) Gestorben und begraben ist Johannes Urzidil allerdings in Rom, wo er sich gerade im Rahmen einer Vortrags- und Lesereise durch Europa befunden hat. In einem Nachruf würdigte ihn der prominente Wiener Kritiker Hans Weigel als
einen europäischen Österreicher, der das Land der Böhmen mit der Seele suchte. … Mit ihm ist das alte Prag in die höhere Wirklichkeit der unvergänglichen Legenden eingegangen.
Bis zur Besetzung Böhmens und Mährens durch Nazi-Deutschland war Urzidil das jüngste Mitglied des legendären Deutsch-Prager Dichterkreises. Er war mit Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel befreundet. 1924, im Alter von 28 Jahren, hielt Urzidil beim Begräbnis von Kafka eine Trauerrede.
Mit Prag und Böhmen beschäftigen sich auch die meisten seiner Erzählungen und Romane wie “Die verlorene Geliebte”, “Das Prager Triptychon” oder “Da geht Kafka”. Von großer literarhistorischer Bedeutung ist Urzidils bis heute unerreichte Studie über “Goethe in Böhmen”.
Urzidil war 13 Jahre lang auch Mitglied der deutschen Prager Freimaurerloge “Harmonie”, die unter der Gerechtsame der Großloge “Lessing zu den drei Ringen” arbeitete und die Urzidil selbst nach der Besetzung Prags durch die Nazis, unmittelbar vor seiner Emigration, auflösen musste. Davor bekleidete er verschiedene Ämter in dieser Loge, hielt zahlreiche Logenvorträge und war auch Redakteur der masonischen Zeitschrift “Die drei Ringe”.
Die Freimaurerei, so Johannes Urzidil in einem in den 1960er-Jahren erschienenen Text,
halte ich für ein lebenswichtiges Vehikel der allgemeinen Moral, sofern sie nicht vereinsmeierisch betrieben wird, ebenso wie ja auch die Religionen von mancherlei Orthodoxie freigehalten werden müssen, um richtig wirken zu können. Ich habe die Bibel beider Testamente bei den Arbeiten der Freimaurer niemals als bloßes Symbol betrachtet. Sie ist vielmehr die große innere Sicherung der königlichen Kunst und sollte nicht bloß daliegen, sondern von A bis Z die unerlässliche Pflichtlektüre jedes Freimaurers sein.
Urzidils Werke sind heute auch eine Begegnung mit dem legendären Prager Deutsch verflossener Zeiten, nach Ansicht des Literaturkritikers Peter Demetz, das reinste Deutsch vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
Urzidils Meisterschaft besteht nicht zuletzt darin, als gelehrtester aller Prager deutschen Schriftsteller zu erzählen und seine Gelehrsamkeit dabei höflich zu verbergen, um die Leute nicht zu stören, die ihn partout als Herz- und als provinziellen Heimatschriftsteller lesen wollten.
Um sich einen guten Überblick über diese Werke zu verschaffen, ist der von Klaus Johann und Vera Schneider vor zwei Jahren herausgegebene Auswahlband “Johannes Urzidil – HinterNational” zu empfehlen (Potsdamer Bibliothek, Deutsches Kulturforum – östliches Europa). Beigelegt ist diesem Lesebuch eine CD, auf der Mitschnitte vieler Lesungen Urzidils und seine wunderbare Vortragskunst zu genießen sind.
Ich bin, wie ich hier sitze, … beinahe die letzte Reliquie Kafkas. … Kein Mensch unter den Tschechen – unter den rund 1 Million Tschechen, die in Prag lebten – hatte eine Ahnung, was für ein bedeutender Mann [mit dem Tode Kafkas] dahingegangen war. Selbst unter den Deutschen war es nicht viel anders. Ich erinnere mich, als wir nach der Bestattung Kafkas – Brod und ich – die Totenreden für ihn hielten …, dass wir beide auf die künftige Weltbedeutung Kafkas hinwiesen – was dem Publikum ein leichtes Lächeln abnötigte. Es wollte das niemand glauben. … Der Vater meiner Frau [traf] einmal, als die ‘Verwandlung’ erschienen war, auf der Straße Kafka …, und, um ihm eine Freundlichkeit zu sagen, bemerkte [er]: ‘Ich habe soeben Ihr neues Buch gelesen.’ Und da sagte nun Kafka: ‘Na, was sagen Sie, Herr Professor – was in unserm Haus für Sachen vorgehen!
Hier im O-Ton: Johannes Urzidil – in großartigem Vortragsstil! – über Kafka, dessen Werk und dessen Verhältnis zum Judentum:
Schlagwörter: literatur, prag | Kommentare (9)
Phantasie-Hebräisch an prominentem Ort
Verderbtes Hebräisch finden wir immer wieder auf alten Gemälden o.Ä. mit Motiven aus der hebräischen Bibel bzw. dem (christlichen) Alten/Ersten Testament. Überrascht hat uns aber doch die völlig absurde Schreibung des Gottesnamens (Tetragramm) im sogenannten “Auge der Vorsehung” über dem Altar in der Josephskapelle in der Hofburg in Wien, handelt es sich schließlich um den Betplatz der Monarchin Maria Theresia!
Zeigt die verderbte Schreibung Ignoranz? Ist sie Original oder im Zuge von Renovierungsarbeiten passiert? Oder gar Absicht, aber warum?
Die Josephskapelle, im Leopoldtrakt der Hofburg, gehört heute zu den Gemächern des österreichischen Bundespräsidenten.
Übrigens, die korrekte Schreibung des Tetragramms: יהוה (“JHWH”).

Verderbte Schreibung des Tetragramms
Lieben Dank an Dorothea Nicolai, die das Foto anlässlich der Premiere von “DeSacre” (Choreographie von Christine Gaigg, Kostüme von Dorothea Nicolai) am 24. April machte (und uns schickte) und erst nicht glauben konnte, was sie da sieht …
Heute, am 18. Ijjar und 33. Tag des Omer-Zählens, ist Lag baOmer.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern
ein fröhliches Fest!,
Happy Lag-BaOmer! und
חג ל”ג בעומר שמח לכולם!
Schlagwörter: hebräisch, wien | Kommentare (1)
Gedenk-Fundstück
Wie soll das Schoa-Gedenken im öffentlichen Raum gestaltet werden – nüchtern-deskriptiv oder ästhetisch inszeniert? kollektiv oder personalisiert? dauerhaft oder provisorisch?
Ein rundum bemerkenswerter Beitrag aus dem Umfeld dieser Fundamentalfrage öffentlicher „Erinnerungskultur“ erreicht uns diese Woche in Form eines Fotos von Freundin Iris H. – תודה רבה = besten Dank dafür! Per Zufall entdeckt und aufgenommen vor dem Haus Kellinggasse 8 in Wien 15, vergangene Woche:
Gehsteig in der Wiener Kellinggasse (bitte vergrößern!)
Mit Kreide wurde ebendort – vielleicht im Rahmen eines Schulprojekts? oder von aufmerksamen Bewohnern/innen? oder …? – folgende Aufschrift angebracht:
Lieber Herr Otto Blumenfeld,
wir haben Ihren Namen auf einer
Liste der ermordeten Juden/innen
gefunden. Hier haben Sie zuletzt gelebt.
Wir haben Sie nicht vergessen!
Ein Gedenk-Format, das wohl nur bis zum nächsten Regenguss hält – und doch (oder vielleicht gerade deshalb?): so verblüffend wie beeindruckend!
Ein Blick in die Opfer-Datenbank der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem bestätigt übrigens: Otto Blumenfeld, Jahrgang 1911, war während des Krieges an besagter Adresse gemeldet – er wurde im Oktober 1939 nach Nisko/Polen deportiert und hat die Schoa nicht überlebt.
Schlagwörter: shoa, wien | Kommentare (0)








