Am jüdischen Friedhof III

Wie Sie auch ohne großartige Hebräischkenntnisse Namen und Todesdaten in hebräischen Inschriften finden und übersetzen können

Vorweg: Selbstverständlich liegt es mir fern zu suggerieren, dass mit keinen oder minimalen Hebräischkenntnissen hebräische Grabinschriften auch nur einigermaßen korrekt erfasst werden können. Da aber der Aufbau von hebräischen Grabinschriften stets mehr oder weniger derselbe ist, können Sie auch mit nur bescheidenen Kenntnissen des Hebräischen (immer wiederkehrende) Strukturen erkennen und mehr aus einer Inschrift herauslesen, als Sie vielleicht vermuten. Insbesondere Name und Sterbedatum sollten meist kein Problem sein.

Salopp formuliert:
Es geht in diesem Beitrag einzig und allein darum, dass Sie eine hebräische Grabinschrift strukturell erkennen und einige Details lesen können. Drucken Sie diesen Beitrag aus, gehen Sie auf den nächstliegenden jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften und versuchen Sie, einzelne Elemente des untenstehenden Schemas (wie Name, Datum usw.) zu erkennen bzw. zu lesen.

Die hebräischen Buchstaben finden Sie ebenfalls auf unserer Website.

Schematischer Aufbau einer Grabinschrift

Achtung: Hebräisch wird immer von rechts nach links gelesen!

Symbol
(Träneneiche; Krug mit Becken (Leviten); Hände (Kohanim, Priester) etc.)

Hier liegt geborgen פ”ט / פ”נ

פה טמון / טמונה // פה נטמן / נטמנת
po tamun / tmuna // po nitman / nitmenet

Geschlechtsangabe, Titulaturen, ehrende Beiwörter

(Titulaturen und ehrende Beiwörter beziehen sich bei Männern praktisch immer auf religiöse Würden und Ämter, bei Frauen stehen meist Bibelzitate.)

ein Mann (“isch”) איש + Eigenschaft(swort), eine Frau (“ischa”) אישה + Eigenschaft(swort)

Herr (“Rev”) ר” (רב) + Name, Frau (“Marat”) מ” (מרת) + Name

der CHAVER (“He-chaver”, niederer Rang in der Gemeindehierarchie) ה”ח (החבר)

ein angesehener Mann (isch nichbad) איש נכבד

der ehrenhafte Herr (kvod harav) כ”ה (כבוד הרב)

eine bedeutende Frau (ischa chaschuva) אשה חשובה

die bescheidene Frau (ha-ischa ha-znu’a) האשה הצנועה

Name + ז”ל / ע”ה

זכרונו / זכרונה לברכה // עליו / עליה השלום
sichrono / sichrona livracha (sein / ihr Andenken möge bewahrt werden)
alav / aleha ha-schalom (auf ihm / auf ihr sei der Friede)

Herr Mose Wolf, sein Andenken möge bewahrt werden ר” משה וואלף ז”ל (זכרונו לברכה)

Frau Resl Austerlitz, auf ihr sei der Friede מרת ריזל ע”ה (עליה השלום)

Ableben י”נ

(Das Ableben wird meist durch einen positiven Ausdruck umschrieben;
nur selten: er / sie “starb (met/a)” מת / מתה)

Seine / Ihre Seele ging hinweg יצאה נשמתו / נשמתה

Todesdatum

(siehe unseren Lexikoneintrag “Zeitrechnung“)

Die Zahlenwerte jener hebräischen Buchstaben, die mit Punkten oder Strichen gekennzeichnet sind, werden einfach zusammengezählt. Das Ergebnis, eine Hunderterzahl, addieren Sie zum (bürgerlichen) Jahr 1240 einfach dazu. Ergibt die Summe z.B. 697 תרצ”ז, haben wir das (Sterbe)jahr 1937 (1240 + 697).
Genau genommen ist dies das jüdische Jahr 5697. Die Zahl 5, also die Tausenderzahl, wird aber meist nicht geschrieben (wie bei uns ‘10 statt 2010), es steht statt z.B. 5697 meist nur 697.
Fast immer wird dann nach der Jahreszahl als Zusatz “nach der kleinen Zeitrechnung”, d.h. “ohne Tausenderzahl”, angefügt:

(wörtlich) “nach der kleinen Zählung (lifrat katan)” לפ”ק = לפרט קטן
Achten Sie auf diese 3 Buchstaben, denn davor steht immer die Jahreszahl!

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn ein Datum der Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet umgerechnet wird. Da das jüdische Jahr im Herbst beginnt, fällt ein Datum der genannten vier Monate noch in das “alte” bürgerliche Jahr.

Meist findet man vor der Jahreszahl (ב)שנת “(bi)schnat”, “(im) Jahr…” (von: שנה “schana”, “Jahr”).

Lob

(Dieser oft sehr lange Text beinhaltet meist viele biblische und rabbinische Zitate und wird hier nicht näher beschrieben)

Schlussworte (Schlusseulogie) ת”נ”צ”ב”ה

תהי נפשו / נפשה צרורה בצרור החיים
tehi nafscho / nafscha zrura bizror ha-chajim (Seine / Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens, Anlehnung an 1 Samuel, 25,29).

Es darf schon angekündigt werden: Wir wollen eine neue und überarbeitete Auflage des Hebräischbuches möglichst bald als E-Book zur Verfügung stellen. Im Buch finden Sie ausführlichere Erklärungen und viele Übungen.

Unser Rätsel: Lesen und “übersetzen” Sie folgende Grabinschrift:

Anmerkung:
Falls Sie gleich hier nach unten zum Rätsel gesprungen sind, ohne unseren Beitrag lesen zu müssen, sind Sie mit unserem Rätsel vermutlich unterfordert ;)

Bitte keine Scheu, das Rätsel ist sehr einfach. Das oben Gelernte kommt noch nicht wirklich zum Einsatz, es geht vor allem um das Erkennen der hebräischen Buchstaben. Sie benötigen für die Lösung kein einziges hebräisches Wort. Die Inschrift ist in deutscher Sprache (mit hebräischen Buchstaben) verfasst und ist der hier original wiedergegebene untere Teil einer Grabinschrift eines Grabes auf dem jüngeren jüdischen Friedhofes in Eisenstadt (siehe Bild! Der obere Hauptteil der Inschrift ist Hebräisch und hier ausgeblendet).

היער רוהעט

דיע ליעבענדע טאכטער

טרייע גאטטין

אונד צארטליכע מוטטער

רעזי איינהארן געב. שפיטצער

געשטארבען אים 26. יאהרע

נאך לאנגעם ליידען

אללגעמיין בעטרויערט

אם 28. פעבער 5637.

Wir verlosen unter den eingesendeten richtigen Lösungen drei (!) GewinnerInnen des Buches “Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland”.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß und Freude beim “Übersetzen” und freuen uns sehr auf Ihre E-Mails mit den Lösungen!

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir als Ergänzung und Weiterführung die Lektüre des jüngst erschienenen Blogbeitrags “Lesen hebräischer Grabsteine – wie geht das?” auf dem Blog des Jüdisch Historischen Vereins Augsburg.

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Purim und der jüdische Witz

Die israelische Tageszeitung Haaretz publizierte gestern einen Beitrag, dass die Westmauer/”Klagemauer” hinkünftig auch als Werbefläche genutzt werden soll.

Wir haben diesen Beitrag auf unserer Facebook-Seite bewusst zunächst ohne Kommentar übernommen.

Kurzum: Diese (unsere) Meldung von gestern war ein Purimscherz!

Wir stehen nicht an zuzugeben, dass auch wir erst mal erschraken, als wir die Meldung im Original lasen. Und doch war es dann beruhigend, dass wir nicht die einzigen waren, die kurz geschockt reagierten, wenn man viele Kommentare auf der Haaretz-Website ansieht ;-)

Unsere Formulierung “Zum besseren Verständnis empfiehlt sich die Lektüre des Haaretz-Artikels im Original” betraf allerdings nicht die technischen Details dieser Fake-Meldung, sondern sollte helfen, den Beitrag als Witz zu entlarven.

Denn es findet sich so mancher Hinweis auf Purim:

Dass ein solcher Beschluss in Israel so gut wie undenkbar ist, dürfen wir außerdem wohl annehmen.
Die Kommentare auf der Haaretz-Website sind gespalten: viele finden den Witz gelungen und ausgesprochen witzig, andere Kommentatoren/Kommentatorinnen sind erbost und/oder entrüstet:

  • … nichts als Blasphemie … unser Parlament (Knesset) versagt …
  • … da hat jemand jedes Gefühl für Verhältnismäßigkeit verloren …
  • … findet ihr es wirklich gut, die Idee der 1.-April-Scherze für uns zu übernehmen? …
  • … es ist ein Witz, aber er scheint antisemitische Stereotype zu übernehmen, dass Geldmachen typisch für die jüdische Religion ist …
  • Haaretz wird auch von vielen Nichtjuden gelesen, die gar nicht wissen, dass jetzt Purim ist …

… heißt es da etwa.

Die Kommentare und Diskussionen zeigen also nicht nur die verschiedene Rezeption dieser Witzmeldung, sondern sehr wohl und vor allem auch die generelle Problematik des jüdischen Witzes!

Es sollen hier – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – einige wesentliche Merkmale des jüdischen Witzes und die potentiellen Gefahren kurz zur Sprache kommen:
Der jüdische Witz ist von seinem Wesen her ein gesprochener und erzählter Witz. Wenn etwa ein jiddischer Witz übersetzt wird, dann ist die Übersetzung, wie jede andere Übersetzung auch, Interpretation und der Witz wird dabei in eine andere, fremde Kultur mit anderen Ausdrucksformen übertragen. Insbesondere der deutschen Sprache mangelt es an Möglichkeiten, jiddischen Wortspielen und Pointen gerecht zu werden. Die Gefahr der “Arisierung” liegt dabei auf der Hand. Ebenso, dass durch eine Pointenverschiebung, sobald der übersetzte Witz nun von Nichtjuden erzählt wird, der Witz missbraucht werden kann, die Pointen und somit der Witz antisemitisch werden können.

Hat sich doch der Antisemitismus ein Bild vom Judentum geschaffen, das sich zum echten wie eine schlechte Karikatur zur lebendigen Vorlage verhält. Wie oft kann eine gute jüdische Pointe einfach durch falsche Betonung, Outrierung jüdischer Gesten etc. zu ihrer eigenen antisemitischen Karikatur werden!

…Es ist eine traurige Tatsache, dass das leidvolle Schicksal des Judentums, das gerade in der jüdischen Anekdote am besten zum Ausdruck kommt, nicht nur Bewunderer, sondern – schon seit der Antike – auch Karikaturisten gefunden hat. Wie hat denn z.B. der “Stürmer” einen für die “Heiligung Gottes” zum Märtyrertode bereiten ostjüdischen Talmudgelehrten gesehen?!

Kurt Schubert, in: Kairos 5(1963).

Ich selbst kannte nie einen begnadeteren Erzähler jüdischer Witze als Professor Schubert. Nicht nur, dass er ein schier unendliches Repertoire an Witzen zu haben schien, Schubert musste man “hören”!
In der ersten “Langen Nacht der Museen”, an der unser Museum teilnahm, war unser Hauptprogrammpunkt “Professor Schubert erzählt jüdische Witze”. Der Saal war zum Bersten gefüllt, das Publikum hörte – eher untypisch für die Lange Nacht – über eine Stunde begeistert zu.

Vor kurzem haben wir auf Facebook auch einen jüdischen Witz gebracht. Das sehr erfreuliche Echo darauf wollen wir – unter Beachtung des hier Geschriebenen – zum Anlass nehmen, ein, wie wir glauben, kleines Juwel anzubieten:

2004 hatte ich die Gelegenheit, einige jüdische Witze, erzählt von Professor Schubert, digital (wenn auch nur mit einfachen technischen Mitteln) aufzunehmen.

Wir werden also ab nächster Woche einen Witz pro Woche (immer am Mittwoch um 18 Uhr) auf unserer Facebookseite, die Sie auch sehen können, ohne selbst Mitglied bei Facebook zu sein, online stellen.

Danach werden wir alle Audiowitze hier im Blog gesammelt und archiviert zur Verfügung stellen.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir eine sehr spezielle Nachstellung der Purimgeschichte.

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Präsentation Österreich-Bild – Nachlese

Am Donnerstag wurde bei uns im Museum das Österreich-Bild des Landesstudios Burgenland mit dem Titel “Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland” präsentiert.

Update, 28. 02., 19:29h: Das Österreich-Bild ist ab sofort auf der ORF TVthek sieben Tage lang zu sehen.

  • Eingang ins jüdische Museum, vor dem großen Ansturm
  • Über 100 Interessierte im Auditorium des Museums
  • Koschere Weinflaschen und Gläser für das Buffet


Wir danken dem ORF für die so engagierte Arbeit und allen Besucherinnen und Besuchern, die zur Präsentation nach Eisenstadt gekommen sind!

Video: Präsentation und kurzer Vorgeschmack auf den Film – Burgenland heute, Freitag, 26. 02. 2010

Die Sendetermine des Österreich-Bildes:

Sonntag, 28.02.2010 18.25 Uhr ORF 2
Dienstag, 02.03. 2010, 12.00 Uhr ORF 2
Sonntag, 14.03.2010, 13.05 Uhr 3sat
Dienstag, 16.03.2010, 11.35 Uhr 3sat

Ab morgen Abend, Sonntag, 28. 02., wird das Österreich-Bild auf der ORF TV-Mediathek 7 Tage lang zu sehen sein. Sobald online verfügbar, finden Sie selbstverständlich hier den Link zur Sendung!
Siehe Link oben!


Nach 1945 sind nur sehr wenige Juden ins Burgenland zurückgekehrt, zwei Familien nach Eisenstadt: Schiller und Trebitsch. Nach dem Tod von Herrn Oskar Schiller am 17. Februar 2005 übernahm sein Enkel, Patrick Frankl, die Geschäfte seines Großvaters. Heinrich Trebitsch lebt – wie Sohn Thomas und Enkelkinder – in Eisenstadt, er ist 88 Jahre alt. Patrick übergab am Abend der Präsentation dem Museum ein Bild seines Großvaters aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, das Herrn Schiller am Eingang unserer privaten Synagoge zeigt.



Nach der Filmpräsentation hatte ich die Gelegenheit zu einem kurzen Interview mit Patrick Frankl und mit dem Sohn von Herrn Trebitsch, Thomas Trebitsch:

Patrick, du hast mir erzählt, dass dir dein Großvater oft von der jüdischen Gemeinde in Eisenstadt erzählt hat. Erinnerst du dich dabei an etwas besonders gern? Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass dich dein Großvater vor über 20 Jahren immer wieder in unserer Synagoge singen ließ …

Das von Patrick übergebene Bild: Oskar Schiller vor dem Eingang zur Wertheimer-Synagoge

Patrick: Meinem Großvater haben sowohl das jüdische Museum als auch die Synagoge und der jüdische Friedhof sehr viel bedeutet. Er hat sich sein Leben lang dafür eingesetzt, dass viele Menschen Museum, Synagoge und Friedhof sehen. Mich hat er, als ich ein Kind war, oft in der Synagoge singen lassen. Er, der sich stets mit Eisenstadt identifiziert hat, wollte damit zeigen, dass die jüdische Identität anerkannt ist. Mein Großvater war ein eifriger Geschäftsmann, aber wenn jüdische Touristen ins Geschäft kamen und den Friedhof sehen wollten, ließ er sofort alles liegen und stehen, bat Mitarbeiter, sein Geschäft weiter zu betreuen, und ging mit den Besuchern zum jüdischen Friedhof (er hatte ja einen Schlüssel). Das hatte für ihn immer Priorität.

Thomas, deine Erfahrungen sind andere. Norbert Lehner, der Gestalter des Österreichbildes sagt im Interview, dass dein Vater, Heinrich Trebitsch, der am schwierigsten zu gewinnende Zeitzeuge war, weil er “… sich lange Zeit gesträubt hat und eigentlich nichts erzählen wollte …”

Thomas: Das ist richtig, mein Vater hat auch uns fast nichts erzählt. Wir haben im Gegensatz zu den Schillers unser Leben in Eisenstadt gelebt, sind regelmäßig zu den Feiertagen nach Wien gefahren, haben aber kaum mit jüdischen Familien Kontakt gehabt. Ich glaube auch, dass wir in Eisenstadt gut integriert waren und sind.

Werdet ihr im Geschäft von Kunden oder auf der Straße von Menschen als Juden wahrgenommen?

Patrick: Natürlich werde ich als Jude wahrgenommen von einer großen Anzahl an Stammkunden. Viele neue Kunden wissen aber nicht, wer mein Großvater war. Ich bin in eine Generation hineingeboren, in der das Gefühl von Offenheit getrübt ist, in der wir Angst haben/hatten, dass viele Menschen von Vorurteilen gegenüber Juden geprägt sind. Ich kenne noch gut den Satz und höre ihn noch manchmal von Stammkunden “Wennst ein Arbeitsgwandl suchst, gehst zum Schillerjud”. Ich finde das aber ganz ok so und identifiziere mich dem “Schillerjud”!

Thomas: Die Leute wissen, dass ich Jude bin, sie kennen auch meine Kinder und wissen, dass diese evangelisch erzogen sind. Die Entscheidung dafür resultierte aus der Angst vor dem Antisemitismus. Es spricht mich aber niemand darauf an, weder mich noch meine Kinder.

Abschließend noch eine vielleicht nicht ganz realitätsnahe Frage, wenn auch eine, die uns BesucherInnen im Museum immer wieder stellen: Könnt ihr euch vorstellen, dass es in Eisenstadt in absehbarer Zukunft wieder eine jüdische Gemeinde geben könnte?

Patrick: Eine jüdische Gemeinde in Eisenstadt wäre ein Wunschgedanke von mir. Ich weiß, dass dann meine und andere jüdische Familien (ich wohne ja in Wien) herziehen müssten, aber es wäre eine erfreuliche Entwicklung gegen den Strom.

Thomas: Ich kann mir eine jüdische Gemeinde – wieder – in Eisenstadt einfach nicht vorstellen, weniger grundsätzlich als aus ganz pragmatischen Überlegungen heraus. Wie soll das funktionieren?

Vielen Dank euch beiden!

Weitere Nachlesen und Medienberichte:

Burgenland ORF – Ö-Bild

Burgenland ORF – Im Land

Der Standard

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Vertrieben und Vergessen

Auf den Spuren des Judentums im Burgenland

Der ORF Burgenland und das Österreichische Jüdische Museum laden herzlich ein zur Präsentation der Sendung “Vertrieben und Vergessen. Auf den Spuren des Judentums im Burgenland” aus der Reihe “Österreich-Bild”.

Zeit: Donnerstag, 25. Februar 2010, 19.00 Uhr
Ort: Österreichisches Jüdisches Museum, Unterbergstraße 6, 7000 Eisenstadt


  • Innenraum der Synagoge Kobersdorf
  • Gruppe Klezmer Connection in der Synagoge Kobersdorf


Von der großen Tradition jüdischen Lebens ist wenig übrig geblieben. Im Burgenland leben heute nur mehr ganz wenige Juden. Zu Wort kommen Zeitzeugen wie die hochbetagte, in New York lebende Alicia Latzer. Sie wurde 1938 mit ihrer Familie vertrieben und bemüht sich heute um die Rückgabe wertvoller Gemälde, die damals geraubt wurden. Heinrich Trebitsch erzählt vom Leben der Eisenstädter Juden vor 1938 und ihrer Vertreibung. Er selbst überlebte einen Todesmarsch ins KZ Mauthausen und kehrte nach dem Krieg nach Eisenstadt zurück. Er ist einer von wenigen Juden, die nach dem Krieg ins Burgenland heimgekehrt sind. In den ehemaligen “Heiligen Sieben-Gemeinden” erinnen nur noch Bauten an jüdisches Gemeindeleben, wie die Synagoge in Kobersdorf, einige Friedhöfe und das Haus, in dem jetzt das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt untergebracht ist.

Text: Einladung ORF Burgenland

Gestaltung: Norbert Lehner
Sprecher: Otto Tausig
Kamera: Stefan Lentsch
Schnitt: Thomas Bonfert

Sendetermin: Österreich-Bild, Sonntag, 28. Februar 2010, 18.25 Uhr, ORF 2

  • Heinrich Trebitsch am Jerusalemplatz in Eisenstadt-Unterberg
  • Alicia Latzer in der Bibliothek ihrer Wohnung in New York
  • Professor Dr. Johnny Moser vor dem Kriegerdenkmal in Parndorf


Im Anschluss an die Präsentation laden wir zu einem Buffet mit koscherem Wein aus dem Burgenland.
Wir ersuchen Sie um Zusage

Die Sendung ist von Sonntag, 28. Februar, späterer Abend, eine Woche lang auf der TV-Mediathek des ORF zu sehen!

Logo ORF Burgenland

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Von jüdischen Ritualen und ihrer christlichen Verarbeitung

Die jüdischen Hintergründe des christlichen Festes “Darstellung des Herrn”

Vom recht speziellen Verhältnis zwischen Judentum und Christentum (und seinen Untiefen) war an dieser Stelle schon mehrfach die Rede – in dieser Tradition und aus aktuellem Anlass heute ein kurzer Seitenblick auf den christlichen Festkalender: Am 2. Februar begeht das Christentum das Fest “Darstellung des Herrn” (auch: “Mariä Lichtmess”) – ein Fest mit expliziten, wenn auch vielleicht erklärungsbedürftigen jüdischen Referenzen.

Der thematisch zugrundeliegende bzw. am 2. Februar gelesene Text stammt aus dem Lukasevangelium 2,22ff:

Dann kam (…) der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.

Offenkundig sind in dieser Passage (die übrigens unmittelbar an eine Notiz zur Beschneidung des Jesusknaben anschließt) mehrere religiöse Praktiken verknüpft: “Reinigung”, “Weihe der Erstgeburt” sowie ein nicht näher bezeichnetes Tauben-”Opfer”, bei Lukas erzählerisch zusammengehalten durch den Verweis auf das “Gesetz” sowie die Verortung im Tempel.

Schalom Ben-Chorin hat, im “Mirjam”-Band seiner “Heimkehr”-Reihe, jene Stelle aus jüdischer Perspektive erläutert und die eingearbeiteten Referenzen aufgeschlüsselt (zum Folgenden vgl. auszugsweise eben S. Ben-Chorin: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. 5. Aufl. München 1987, S. 66-72). Angesprochen ist im obigen Lukas-Text zunächst das Motiv der “Reinigung der Wöchnerin”, ausgeführt in 3. Mose 12: Die Reinigung ist hier mit einer 33 Tage (bei Mädchen: 66 Tage) nach der Geburt zu vollziehenden Opferhandlung verbunden, wobei als Opfertiere ein Schaf sowie eine junge Taube bzw. Turteltaube vorgesehen sind; sofern aber die Frau

die Mittel für ein Schaf nicht aufbringen kann, soll sie zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben nehmen …

3. Mose 12,8

womit deutlich ist, dass das Tauben-”Opfer” im Lukas-Text genau dieses “Reinigungs”-”Opfer” meint.
Daneben steht (weiter nach Ben-Chorin) jenes Ritual, das hier, nach der Einheitsübersetzung, mit der Wendung “dem Herrn weihen” beschrieben ist (andere Übersetzungen, z.B. Luther 1984, haben an dieser Stelle “dem Herrn darstellen”). Gemeint ist die “Auslösung des Erstgeborenen”, der nach 2. Mose 13,2 dem Herrn “gehört”:

Der Herr sprach zu Mose: Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, (…) gehört mir;

genauer ausgeführt ist die “Auslösung” in 4. Mose 18,15:

Du musst aber den Erstgeborenen bei den Menschen auslösen …

– festgelegt ist auch der Zeitpunkt der Auslösung (“nach vollendetem dreißigsten Lebenstag” bzw. wird die „Auslösung (…), falls der 31. Tag auf einen Schabbat oder Festtag fällt, auf den folgenden Wochentag verschoben”) sowie der “Auslösungspreis” (Ben-Chorin 1987, S. 69, 72).

Damit sind wir freilich auf eine religiöse Praxis gestoßen, die (anders als der Lukas-Text nahelegt) keineswegs exklusiv an den Tempel gebunden ist – und entsprechend “bis heute noch praktiziert [wird]. Der Vater des Kindes zahlt einem Priester (…) das vorgeschriebene Lösegeld in Silbermünzen” (ebd. S. 69f.). Eine im Ganzen unbedingt lesenswerte Erklärung dieses “Pidjon haBen” (oder Pidjon haBechor) genannten Vorgangs gibt Michael Rosenkranz in einem Beitrag auf Talmud.de.

Hier außerdem – Youtube sei dank – die besagte Zeremonie in bewegten (Home-Movie-)Bildern:

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Schalom Ben-Chorins großartige “Heimkehr”-Trilogie (Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht; auch in Einzelbänden erhältlich) – mehr als 30 Jahre alt und weiterhin unerreicht!

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