Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt …

…als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Im Zuge unseres großen Projekts zum älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt (das sich übrigens schon langsam dem Finale nähert) stießen wir auch auf den Grabstein von Samuel Kerpel, dem Vater des berühmten Malers Leopold Kerpel.

Der Grabstein des Vaters ist unscheinbar, die Inschrift kaum leserlich. Er wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre verwendet, dann aber wieder auf den jüdischen Friedhof zurückgebracht.

Bernhard Wachstein äußert sich ausführlich zu Samuel und insbesondere zu seinem berühmten Sohn Leopold Kerpel:

„Das Totenregister nennt den Verstorbenen Samuel ben Itzik Chajjat (Schneider). Von Isak findet sich kein Grabstein mehr vor, aber Sarl Frau Isak Chajjat, die in den Totenmatrik den Namen Kerpel führt, liegt in der Nähe ihres Sohnes begraben. Isak ist zweifellos ein Sohn des Moses Chajjat ben Isak, welch letzterer sicherlich nach seinem Schneiderhandwerk den Namen Chajjat führte, oder dem diese Bezeichnung beigelegt wurde. Die Frau des Moses Chajjat, Rachel, ist in der Nähe ihres Mannes begraben. Wann der Berufsname Chajjat, der sich zum Familiennamen Schneider umgestaltete, sich in den Namen Kerpel verwandelte, ist mir gegenwärtig nicht feststellbar. Die handwerkliche Fertigkeit in der Familie sollte sich jedoch bei einem ihrer Mitglieder zur künstlerischen Gestaltungskraft steigern, denn der in Eisenstadt geborene Maler Leopold Kerpel entstammt dieser Schneiderfamilie. Er ist ohne Zweifel ein Sohn unseres Samuel Kerpel.

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Leopold Kerpel, Italienische Landschaft, Öl auf Leinwand, Copyright: Landesmuseum Burgenland



Ich halte es nicht für überflüssig, eine Notiz von André Csatkai über Leopold Kerpel aus der Ödenburger Zeitung vom 20. April 1920 mit Rücksicht darauf, dass ein Tageblatt eine nicht leicht zugängliche Quelle ist, hierher zu setzen:

Zur Zeit des Aufenthaltes von Markó [1801 -1860, lebte etwa seit 1830 in Eisenstadt] tauchte ein begabter Maler aus dem Eisenstädter Ghetto auf, namens Leopold Kerpel. Geboren wurde er etwa 1819 (diese Jahreszahl ist nicht ganz sicher festzustellen, denn die Matrikeln der isr. Gemeinde reichen nur bis um 1830 zurück). Es ist gut annehmbar, dass das Beispiel Markós den jungen Knaben auf die Künstlerlaufbahn gebracht hat, ja eine persönliche Begegnung wäre auch nicht ausgeschlossen, doch sicher ist sie nicht. Kerpel studierte in Wien, wo er 1845 das erstemal auf einer Ausstellung der Akademie vor die Öffentlichkeit trat. 1846 erweckte sein Bild, das römische Kolosseum darstellend, die Aufmerksamkeit der Erzherzogin Maria Dorothea, die es kauft und das Nationalmuseum in Budapest damit beschenkt. Nach 1849 macht Kerpel eine Reise über Deutschland nach Russland, sie ist ein wahrer Siegeszug. Er berichtet seinem Landsmann Schneider darüber in einem Briefe, dessen Fragment sich im Besitze des Apothekers W. Kerpel befindet.

Von Wien reiste der Maler nach Prag. Die alte Kaiserin, Ferdinands Gattin, kauft von ihm ein Albumblatt um 100 Gulden. Dann verweilt er in Teplitz. Der Herzog Clary und seine Sippschaft nehmen sich seiner gütigst an und erwerben mehrere Gemälde von ihm. In Dresden wird er ebenfalls freundlich empfangen. Der kaiserliche Legat Kuefstein, der später Hofmeister in Wien wurde, führte ihn in die besten Gesellschaften ein; auch der König von Sachsen beehrt ihn mit dem Kauf seiner Gemälde. Kerpel reist bald nach Berlin, wird mit Humboldt bekannt, der ihn dem preußischen König vorstellt. Jener bestellt bei ihm zwei Bilder, die Kerpel in zwei Monaten verfertigt und dann übersiedelt er nach Russland, wo er große Touren macht, besichtigt Moskau, Petersburg und auch Finnland. Das Fragment endet – leider ohne Datum – mit der Beschreibung des Marktes in Nischni-Nowgorod.

Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt, als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Kerpel hat sich in Wien ständig niedergelassen, verdiente schön und war nicht darauf angewiesen, sich in die Pensionsgesellschaft der Wiener Künstler einschreiben zu lassen. Er starb 1880, 61 Jahre alt. Kerpel ist seinen Landsleuten vollends unbekannt; meine Nachfragen in Eisenstadt waren bisher ohne Erfolg.
In Ödenburg befinden sich meines Wissens drei seiner Gemälde: Im Museum eine Landschaft: Forchtenstein in einer romantisch-düsteren Auffassung darstellend, mit Signatur und Jahreszahl 1861; dann zwei Familienbildnisse im Privatbesitz: ein männlicher Kopf, sehr ausdrucksvoll, und ein weiblicher, weniger bedeutend.
Kerpel verfertigte schöne Lithographien vom Badeorte Pystian, und zwar eine Folge mit acht Ansichten, Quartfolio, und eine mit zehn Ansichten, Kleinquartfolio. Beide Serien sind recht selten.

Zum Geburtsjahr, das nach Csatkai nicht sicher steht, wäre auf die Konskriptionsliste vom Jahre 1836 bei Markbreiter, Beiträge S. 82, Nr. 22 hinzuweisen, wo Leopold, der Sohn des Samuel Kerbel (lies Kerpel) 18 Jahre alt ist. Danach wäre er also 1818 geboren. Nach der Grabschrift auf dem Wiener Zentralfriedhof starb er am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Sie lautet:

פ“א איש ישר הולך נכוחו כהר“ר איצק ליב קערפעל נ“ע מילידי אייזענשטאט יע“א אשר הלך לעולמו ביום עש“ק ה’ אייר תר“מ לפ“ק תנצב“ה

Hier ruht Herr Leopold Kerpel, akadem. Landschaftsmaler, gestorben am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Er ließ nach 19jähriger Ehe eine Witwe in tiefer Herzenstrauer zurück.

Der edlen Kunst geweiht Dein Leben
War treu Dein Herz und ernst dein Streben.
Voll Biedersinn in Tat und Wort
Lebst Du in deinen Werken fort.“

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 249f

Ergänzt sei noch die wörtliche Übersetzung der hebräischen Grabinschrift (des erwähnten Grabes am Zentralfriedhof):

H(ier liegt) g(eborgen) ein rechtschaffener Mann, in seiner Redlichkeit wandelnd, d(er) e(hrbare) H(err) Itzik Löb Kerpel, s(eine Ruhe) s(ei Wonne), aus Eisenstadt, G(ott möge) d(ie Stadt) a(ufbauen), gebürtig. Der in seine Welt ging am V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), 5. Ijjar 640 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). S(eine Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens).

Die von seiner Ehefrau aufgegebene Todesanzeige finden Sie auf geni.com.
Interessant dabei ist, dass im deutschen Teil der Grabinschrift „im 61. Lebensjahr“, auf der Todesanzeige aber „im 62. Lebensjahr“ steht.

In Wien fand im Jahr 1846 eine vielbeachtete Ausstellung von Kerpel statt, in der vor allem seine italienischen Landschaftsbilder gezeigt wurden.

Mit „Markbreiter“ oben ist gemeint:
Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt nach archivarischen Quellen, bearbeitet von Moritz Markbreiter, Wien 1908.

Angemerkt muss noch werden, dass das Landesmuseum Burgenland im Besitz von 13 Bildern des Malers Leopold Kerpel ist. Vielleicht können wir Kerpel mit einer Ausstellung bald auch hierorts bekannter machen …

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Schawu’ot 5775

Der kommende Schabbat ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Es ist, wie schon an anderer Stelle angemerkt, in erster Linie das „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!

Und zum Stichwort Tora ein originelles Fundstück aus dem Wien der Zwischenkriegszeit:

Scan Buchseite Grammatik Moses Rath

Genesis 1,1-5 in Hebräisch sowie sefardischer, deutsch-aschkenasischer und polnisch-aschkenasischer Aussprache (Auszug aus dem Hebräischlehrbuch von Moses Rath).

Und selbstverständlich reichen wir gerne noch die deutsche Übersetzung nach:

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.

Der Verfasser des hebräisch-deutschen Lehrbuchs „Sfat Amenu“ (Die Sprache unseres Volkes, Wien 1920) war Moses Rath, der während des 1. Weltkriegs aus Kolomea in der Westukraine nach Wien gekommen war. Er erteilte Hebräischunterricht und war der letzte Direktor der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde vor der Shoa.

Vielen Dank an Chaya-Bathya (Claudia) Markovits für Idee und Scan!

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Schloss Hartheim … und dann kamen die grauen Busse…

Schwerpunktausstellung 2015

Die Ausstellung besteht aus 4 Teilen:

  1. Schloss Hartheim
  2. NS-Euthanasie im Burgenland
  3. Kunstwerke von Menschen mit besonderen Bedürfnissen
  4. Film: Das Mordschloss

Schloss Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Schloss Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

NS-Euthanasie im Burgenland

In eine der Direktion nicht genannte Anstalt übersetzt

Im Zuge der Arbeiten an der Datenbank der Opfer des Nationalsozialismus im Burgenland stellte sich heraus, dass es auch viele Opfer der NS-Euthanasie gab. Daraus entstand die Idee, diesen Opfern ein Gedenken im Rahmen einer Ausstellung zu widmen. Das Projektteam, Dr. Herbert Brettl und Mag. Michael Hess, sind bei ihrer jahrelangen Vorarbeit in österreichischen und deutschen Archiven auf über 350 dokumentierte burgenländische Opfer der NS-Euthanasie gestoßen. Daraus entwickelte sich die Idee zu einer Wanderausstellung sowie einem Begleitband.

Die mobile Ausstellung „NS-Euthanasie im Burgenland“ und ihr Begleitband versuchen, die Opfer aus der Anonymität einer abstrakten Zahl herauszuheben. Der Wahnsinn „NS-Euthanasie“ betraf nicht nur anonyme Opfer irgendwo im Deutschen Reich an einem fernen Ort, sondern geschah direkt neben unserer Haustür, in unseren Gemeinden, an Menschen, die unseren Eltern und Großeltern persönlich bekannt waren.

Unter den NS-Euthanasieopfern, die im Schloss Hartheim ermordet wurden, waren etwa 800 Juden, darunter 19 aus dem Burgenland.

Kuratoren: Dr. Herbert Brettl und Mag. Michael Hess.

Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstlern, die heute in Hartheim wirken

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit KULTUR FORMEN HARTHEIM. Wir zeigen 78 Kunstwerke von Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Kuratorinnen:
Mag.a art. Kristiane Petersmann und Mag.a art. Duygu Uzun.

Scan Buchcover F. Scharinger

Scan Buchcover Franz Scharinger, Florina und andere Models

Das Mordschloss – Der Film

Schloss Hartheim im Schatten der Vergangenheit. Das Schloss, lange Zeit ein Pflegeheim, wird zu einer Mordanstalt des Dritten Reichs für sogenanntes „unwertes Leben“. Der Journalist Tom Matzek sammelte drei Jahre lang Daten und Fakten zu den ungeheuerlichen Vorgängen auf Schloss Hartheim. Der Tötungswahn der Euthanasiefanatiker in Hartheim ging so weit, dass mit Mauthausen ein Konkurrenzkampf in Sachen Massenmord geführt wurde. Matzek rekonstruiert das Grauen im Mordschloss anhand persönlicher Schicksale von Opfern, Tätern, Augenzeugen und Widerstandskämpfern…

Bus Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Bus Hartheim, Copyright: Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Gesamtkonzept: Österreichisches Jüdisches Museum
Kuratorin/Kurator:
Christa Krajnc und Franz Ramesmayer.

Wir danken:

  • Amt der Burgenländischen Landesregierung
  • Amt der Oberösterreichischen Landesregierung
  • Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
  • Kulturformen Hartheim
  • Tom Matzek und ORF

Die Schwerpunktausstellung ist ab sofort besuchbar, die Eröffnung der Ausstellung wird am 21. Juni 2015 stattfinden. Wir laden dazu gesondert ein.

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Ausgerechnet Bananen verlangt sie!

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur literarisch-musikalischen Collage:

Ausgerechnet Bananen verlangt sie!

Wann: Sonntag, 19. April 2015, 11.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum,
7000 Eisenstadt, Unterbergstraße 6

Roman Grinberg, Julia Resinger und Helmut Korherr

Rezitation: Julia Resinger, Helmut Korherr und Roman Grinberg (Klavier und Gesang)

Den Text zum Lied „Ausgerechnet Bananen“ verfasste Fritz Löhner-Beda, der übrigens auch Gründungsmitglied und 1. Präsident des Wiener Sportclubs Hakoah war.
Um diesen Sportclub dreht es sich am Anfang der Darbietung, um seine siegreichen Athleten und um die Machtübernahme der Nazis, die der Erfolgsgeschichte ein jähes und graumsames Ende setzte.

Der zweite Abschnitt führt ins Exil nach Los Angeles, wo 1943 Helene Thimig ihrer Freundin Fritzi Massary das tragische Sterben von Max Reinhardt schildert.

Schließlich wird berichtet, wie Viktor Frankl 1941 seine erste Frau Tilly kennen lernt, ihr gemeinsames Leben im KZ Theresienstadt sowie ihre tragische Trennung und ihre Deportation nach Auschwitz…

Dauer: ca. 90 Minuten

Der Eintritt ist frei.

Wir stehen jederzeit für Fragen zur Verfügung:

  • telefonisch: +43 (0)2682 65145
  • per E-Mail: info@ojm.at

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Hat der ‚jüdisch-christliche‘ Dialog Zukunft?

Ab Sonntag Abend erkundet eine Tagung am Wiener Institut für Judaistik die Gegenwart und Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs:

Detail Programmfolder

Als Referenten fungieren ausgewiesene Experten u.a. aus den Bereichen Judaistik, Bibelwissenschaft und Religionspädagogik, darunter Rabbiner Prof. em. Dr. Jonathan Magonet, Univ.-Prof. Dr. Gerhard Langer, Univ.-Prof. Dr.in Irmtraud Fischer, Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan und Univ.-Prof. i.R. Dr. Martin Jäggle. Ein eigenes Podiumsgespräch ist außerdem dem „Bildungsauftrag Jüdischer Museen“ gewidmet – wir bedanken uns für die freundliche Einladung, an diesem Podium mitzuwirken, und freuen uns auf ein spannendes Gespräch mit Dr. Hanno Loewy und Dr.in Felicitas Heimann-Jelinek.

Die dreitägige, von den Universitäten Graz und Wien getragene Konferenz – Abschlusstagung zum FWF-Projekt „Die Hebräische Bibel im ‚jüdisch-christlichen‘ Dialog in Österreich und Deutschland nach 1945″ – steht allen Interessierten offen, die Teilnahme ist kostenlos!

Das Programm und weitere Infos finden Sie im Folder zur Tagung (Pdf).

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